Das aktuelle Flugblatt

An dieser Stelle wird das Flugblatt publiziert, das gerade an der Universität Hamburg auf den Mensatischen verteilt wird. Im Archiv finden sich alle vorhergehenden Flugblätter.

Zum vorigen Flugblatt: Gleichheit, Freiheit, Solidarität. Eine stete allseitige Aufgabe.

Zur Semesteranfangszeitung für das Wintersemester 2022/2023.

Das aktuelle gemeinsame Flugblatt im Bündnis für Aufklärung und Emanzipation (BAE!):
Befreiung von gesteigerter Zumutung. Für eine Universität der Nachhaltigkeit als solidarische Tat-Sache.

Der eigentliche Ernstfall: Frieden!

Ent-Täuschung

„Als sich Ende November auf Einladung des Wirtschaftsstaatssekretärs Sven Giegold rund 40 Sicherheitsexperten zusammenschalteten, staunte manch einer über die Zusammensetzung des Kreises: Menschenrechtsaktivisten neben Wissenschaftlerinnen und Rüstungslobbyisten. Anders als früher waren Vertreter von Zivilgesellschaft und Industrie gemeinsam geladen.

Sie sollten ihre Erwartungen an das »nationale Rüstungsexportgesetz« formulieren, in dem die Bundesregierung klare Kriterien für deutsche Waffenausfuhren festschreiben will. Zwei Minuten Redezeit, egal ob Waffengegner oder Waffenproduzent. Nichts sollte den Anschein der Parteilichkeit erwecken. Manch ein Vertreter der Friedensbewegung hatte erhofft, in Giegold, immerhin ein Grüner und tiefgläubiger Christ, einen Verbündeten im Kampf gegen Rüstungsexporte zu finden – und wurde enttäuscht. »Wir machen das Gesetz nicht für den Grünenparteitag, sondern für die Ampelkoalition«, wird Giegold von Beteiligten der Runde zitiert. Deutschland zählt zu den größten Waffenverkäufern der Welt, daran hat bislang auch die Ampelkoalition nichts geändert.“

AutorInnenteam, „Das Waffendilemma“, „SPIEGEL“ Nr. 2/7.1.2023, S. 12-14, hier S. 12.

 

Zu behebender Mangel

„Wie nahezu alle Friedensforscher seiner Generation, wie nahezu alle pensionierten Politiker, von Helmut Schmidt, Hans-Dietrich Genscher, Günter Verheugen und Erhard Eppler bis hin zu Helmut Kohl benannte er [Prof. Ernst-Otto Czempiel, 1927-2017, 1970 Mitbegründer des Friedensforschungsinstituts in Hessen] klar die Fehler des Westens, die – so die Befürchtung – über kurz oder lang zu einer gewaltsamen Konfrontation mit Russland führen müssten. Doch das Studium der Vorgeschichte von Kriegen ist bei heutigen Friedensforscherinnen und Friedensforschern ein blinder Fleck. Sie reagieren ad hoc, ohne tieferes Verständnis der Zusammenhänge. Mitursache dieser Entwicklung mag sein, dass sich die bestehenden Friedensforschungsinstitute stärker in die Politikberatung einbinden lassen [plus finanzielle Abhängigkeit und vorauseilender Gehorsam].“

Wolfgang Michal, „Forschen für den Frieden“, „der Freitag“, Nr. 1/5.1.2023, S. 3.

 

Allegorie

„Niemanden haßt der Hund so wie den Wolf; er erinnert ihn an seinen Verrat, sich dem Menschen verkauft zu haben – daher er dem Wolf seine Freiheit neidet, ihn hassend fürchtet und sich durch doppelten Verrat beim Menschen lieb Hund zu machen sucht.“

Kurt Tucholsky, „Traktat über den Hund, sowie über Lerm und Geräusch“, 1927.

Der Ostermarsch ist, mit Demonstrationen und Kundgebungen, eine alljährliche Aktionsform der Friedensbewegung. Er geht auf eine Initiative in Großbritannien und in der Bundesrepublik der 1950er Jahre zurück. Wesentlich dafür waren die Friedensaktivisten der War Resisters’ International bzw. die Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK e.v.). Noch heute gilt ihr Credo: „Der Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit. Ich bin deshalb entschlossen, keine Art von Krieg weder direkt noch indirekt zu unterstützen und an der Beseitigung aller Kriegsursachen mitzuarbeiten.“

In seiner Antrittsrede nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten (ein Schritt hin zur sozialliberalen Koalition) formulierte Gustav Heinemann am 1. Juli 1969: „Ich sehe als Erstes die Verpflichtung, dem Frieden zu dienen. Nicht der Krieg ist der Ernstfall (…), sondern der Frieden ist der Ernstfall, in dem wir uns alle zu bewähren haben.“

Diese Haltung, kommend aus den äußerst negativen Erfahrungen von Diktatur und Krieg (1933-1945) sowie aus dem gesellschaftlichen Engagement für den Frieden, führte auch initiativ zu den Gründungen von Friedensforschungsinstituten (Hessen 1970, Hamburg 1971 sowie noch 1990 in Nordrhein-Westfalen in Bonn und Duisburg-Essen).

Amtliche Politik, zivile Bewegung und (ein Bereich der) Wissenschaften gingen relativ bündig Hand in Hand.

Daran ist deutend zu erinnern, wenn die Friedensforschung wieder einen relevanten Beitrag zu handlungsleitenden Erkenntnissen über Kriegs- und Friedensursachen leisten können soll.

Dabei ist die analytische Auswertung von negativen und positiven Erfahrungen in der wechselvollen Menschheitsgeschichte sicherlich sehr hilfreich. Zwei Weltkriege, die Befreiung vom Faschismus, die Schaffung der UN-Charta, das Grundgesetz, die Ostermarscherfahrungen, die bisherige Arbeit der Friedensforschungsinstitute, die Entspannungspolitik der 1970er Jahre, die Abrüstungsabkommen in den 1980er Jahren wider eine rasante Aufrüstung, die anhaltenden Krisenherde auf der Welt, aber auch die Bemühungen um eine gerechte Weltwirtschaftsordnung sowie die notwendige Bewältigung der Klimakrise gehören unzweifelhaft dazu. Diese Arbeit ist sinnvoll und hilfreich. Sie gehört zu den zivilisatorischen Aufgaben und ist ein positives Kontra zu jedem rechten Unsinn. Dafür müssen wir uns nicht beschimpfen lassen. (Wenn doch, dann argumentieren wir weiter.)

Frieden ist und bleibt der Ernstfall. Gewaltlosigkeit eine menschliche Aufgabe. Von der großen Mehrzahl für die große Mehrzahl. So ist der Einzelne von stimmiger Bedeutung.

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Jakobinersperling